Es regnet jetzt seit circa achtzehn Stunden fast ununterbrochen. Dann kommt das ganze öffentliche Leben zum Stillstand. Ich habe bis 10 Uhr geschlafen und dann ein wenig mit den dreckigen, nassen Hunden gespielt, so dass ich mich schon wieder duschen muss. Danach gab es Pfannkuchen mit Hackfleisch-Tomaten-Füllung und die Evi hat angefangen, einen Hefezopf zu backen. Keine Sorge, sie hat kein Hackfleisch gegessen. Leider sind Nüsse hier sehr teuer, bis auf Erdnüsse, daher gibt es Hefezopf mit Erdnussfüllung. Evi's Kreativität kommt hier sehr stark zum Vorschein. Vorgestern hat sie kleine Hefeschnecken gebacken, einige mit Honig und Sonnenblumenkernen, einige mit Rosinen, und ein paar mit so einer Art Kondensmilch-Zucker-Kakao-Paste. Alles äußerst vorzüglich. Leider hat Evi selbst nur eine oder zwei abbekommen, weil sie gestern abend auf einer Abschiedsparty verteilt wurden, und sie ging wohl in der Menge unter. Sonst gab es ein kleines Büffet, mit einer Art Weißbrotpizza (nicht so der Renner), Braten (lecker) und Würstchen (nichts für empfindliche Augen oder einen empfindlichen Magen), und Maismehlkuchen für die Empfindlichen, die trotzdem was essen wollten. Vor dem Essen gab es noch ein paar "Vorführungen", bei dem der eigentliche Ehrengast, also der zu verabschiedende, verhonepiepelt wurde. Nach dem Essen hat Evelio, der Ehrengast im eigenen Hause, auf der Gitarre gespielt, ein buntes Potpourri aus Guarani-Volksliedern, Königreichsmelodien und spanischen Schlagern. Das war wirklich schön. Vor allem die Guarani-Volkslieder klangen sehr schön, vor allem weil sie sie zu zweit gesungen haben. Hinterher wurde dann getanzt, zuerst nur ein Paraguayo-Pärchen, aber dann wurde die Tanzfläche vom weltberühmten "Deutschen Tanzbein" beherrscht. Leider sind Tanzfotos immer ziemlich dämlich.
Leider oder zum Glück, je nachdem, kann man mit den Hunden hier nicht "Gassi gehen". Zum einen brauchen sie es nicht unbedingt, weil der Garten relativ groß ist. Andererseits ist es auch etwas kompliziert, weil es so viele Streuner gibt, die die eigenen Hunde wahrscheinlich anfallen oder wenigstens verrückt machen würden. Nicht sonderlich schön, zumal diese Hunde eh nicht sehr folgsam sind. Bis jetzt.
Das Dienstgebiet, das von der hiesigen Versammlung bearbeitet wird, ist ausnehmend groß, also hat einen Radius von ungefähr 250 km, grob geschätzt, mit wiederum grob geschätzten sechs- bis siebentausend Deutschen. Dies sind hauptsächlich einige Mennonitenkolonien, aber auch Deutsch-Brasilianer, Kolonisten und Auswanderer. Viele sind schon in der zweiten oder dritten Generation hier, sprechen oft trotzdem noch ausgezeichnetes Deutsch, wenn auch manchmal mit einem interessanten Dialekt. Die Reaktionen auf die gute Botschaft sind ebenfalls so unterschiedlich wie die Leute selbst. Die Mennoniten, wenn sie sich nicht vor uns im Haus verstecken, ignorieren uns oft oder "haben alles was ihnen fehlt". Einige nehmen aber doch schweigend das aktuelle Traktat entgegen, andere bespucken es vor unseren Augen. Manche wollen es nicht nehmen, hören aber trotzdem zu wenn man sagt, es wäre z. B. um die Frage gegangen, wie man wirklich glücklich werden kann und dann den entsprechenden Absatz kurz vorliest oder bespricht. Sie helfen einem dann auch schon mal mit dem Plattdeutschen. Erinnert mich übrigens oft an Afrikaans, macht auch Sinn, denn wenn ich recht informiert bin waren ein Teil der Vorfahren der Mennoniten auch flämisch. Unter den Kolonisten und Deutsch-Brasilianern, die nicht so zurückgezogen und scheinbar verbissen religiös sind, ist es ein wenig wie in Deutschland, nur das die Leute es nicht ganz so eilig haben und sich vor allem die Älteren doch gerne mit uns unterhalten. Es beeindruckt eben doch einige, dass man als junger Mensch aus Deutschland so weit reist, "nur" um mit ihnen über die Bibel zu sprechen.
Evi flippt gleich aus, weil der Hefezopf so schön aufgeht. Übrigens ein weiterer Vorgang, der noch nicht so ganz verstanden wird...
Schön an Santa Rosa ist, das die Versammlung recht klein ist und man daher viel zu tun hat. Das wird hier auch recht ausgekostet, obwohl die Fahrstrecken oft ziemlich weit sind und es daher teuer ist als in Asuncion, wo der Bus doch recht günstig ist und einen so ziemlich überall hinbringt. Schön ist auch, dass die Versammlung "dialektisch" gesehen eher von Franken und Bayern dominiert wird, es ist aber trotzdem alles vertreten. Das lassen wir uns nochmal durch den Kopf gehen.
Und ich habe neue Schuhe bekommen: Erinnern stark an Veld-Skoune, also ähnlich wie die Schuhe aus Namibia, und sind recht stabil, natürlich mit Autoreifensohlen. Mit meinen alten Einlegesohlen vom Footlocker auch recht bequem. Mit dem rechten bin ich gestern bei Dunkelheit in eine Pfütze getreten, mein Fuß blieb aber trocken. Mit dem linken bin ich auch in eine Pfütze getreten, die war aber so tief, dass das Wasser oben rein gelaufen ist, das gilt nicht.